Die Praxisbewertung für Chirurgen ist komplex: Neben dem klassischen Goodwill spielen Gerätewerte, OP-Ausstattung und die wirtschaftliche Abhängigkeit von operativen Leistungen eine wichtige Rolle. Eine realistische Bewertung ist sowohl für den Verkaufsfall als auch für Finanzierungsentscheidungen und Gesellschafterverträge unverzichtbar.

Das Wichtigste in Kürze

  • Chirurgische Praxen haben aufgrund teurer OP-Ausstattung oft hohe Substanzwerte von 150.000 bis über 500.000 Euro; dieser Wert wird unabhängig vom Goodwill ermittelt.
  • Das modifizierte Ertragswertverfahren der Bundesärztekammer ist der Standard für die Goodwill-Ermittlung; es berücksichtigt den durchschnittlichen Jahresgewinn der letzten 3 Jahre.
  • Praxen mit ambulantem Operieren (AOZ, Belegarzttätigkeit) erzielen typischerweise höhere Ertragsbasiszahlen und damit höhere Goodwill-Multiplikatoren.

Praxisbewertung speziell für Chirurgen

Chirurgische Praxen und ambulante Operationszentren (AOZ) unterscheiden sich in ihrer Bewertungslogik erheblich von konservativen Praxen. Ein modernes AOZ mit 2 OP-Sälen, Narkoseausrüstung und Aufwachraum hat einen Substanzwert von 300.000 bis 600.000 Euro. Diese Geräte haben reguläre Nutzungsdauern von 8 bis 15 Jahren; der Restwert wird über Zeitwertgutachten ermittelt.

Der Goodwill für eine chirurgische Praxis mit Jahresgewinn von 250.000 Euro wird nach BÄK-Methode mit einem Faktor von 0,6 bis 1,0 multipliziert. Bei einem Faktor von 0,7 ergibt sich ein Goodwill von 175.000 Euro. Hinzu kommt der Substanzwert, sodass der Gesamtwert der Praxis 475.000 bis 775.000 Euro betragen kann. Dieser Wert schwankt stark je nach Regionalmarkt: In städtischen Gebieten mit hoher Chirurgendichte liegen Faktoren eher bei 0,5 bis 0,6, in unterversorgten Regionen bei 0,9 bis 1,2.

Worauf Chirurgen besonders achten sollten

Für chirurgische Praxen ist die Betriebsgenehmigung (Hygieneplan, RKI-Anforderungen, Gerätezertifizierungen) ein wichtiger Werttreiber: Eine vollständig akkreditierte Praxis mit aktuellen Zulassungen und laufenden Hygieneprotokollen ist für Käufer deutlich attraktiver als eine Praxis mit Dokumentationslücken. Ärzteversichert empfiehlt Chirurgen, bereits 3 Jahre vor geplanter Abgabe ein vollständiges Praxisaudit durchzuführen und etwaige Defizite zu beheben.

Außerdem sollten Chirurgen prüfen, ob eine Umwandlung in eine Berufsausübungsgemeinschaft oder eine GmbH vor der Bewertung steuerlich vorteilhaft ist. Eine gut strukturierte Gesellschaft kann den Verkaufsprozess vereinfachen und die Steuerlast auf den Veräußerungsgewinn optimieren.

Typische Fehler bei Chirurgen

Ein häufiger Fehler ist die Überschätzung des Goodwill-Anteils bei sehr personengebundenen Praxen, in denen der Hauptguten ein bekannter Operateur ist. Wenn der Patientenstamm personenbezogen ist, reduziert sich der übertragbare Goodwill erheblich. Außerdem werden Ablaufprozesse und OP-Protokolle oft nicht schriftlich dokumentiert, was die Übergabe und Einarbeitung des Nachfolgers erschwert. Schließlich wird die Bewertung oft nicht durch einen unabhängigen Sachverständigen begleitet, was zu unrealistischen Preisvorstellungen auf beiden Seiten führt.

Fazit

Eine fundierte Praxisbewertung ist für Chirurgen der erste Schritt zu einem erfolgreichen Verkauf oder einer fairen Nachfolgelösung. Weitere Artikel finden Sie in der Blog-Übersicht.

Quellen und weiterführende Informationen

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