Die Bewertung einer neurologischen Praxis stellt Verkäufer und Käufer vor besondere Herausforderungen: Das Fach ist stark personengebunden (Patienten kommen oft wegen des spezifischen Facharztexpertise), und neurologische Geräte (EMG, EEG, Duplexsonographie-Geräte, Neuropsychologie-Software) haben einen erheblichen Substanzwert, der korrekt in die Bewertung einzubeziehen ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bewertungsmethode: Neurologische Praxen werden nach dem modifizierten Ertragswertverfahren bewertet; der Goodwill berechnet sich aus dem nachhaltig erzielbaren Jahresüberschuss multipliziert mit einem Faktor von 1,0 bis 2,5, abhängig von Patientenstamm, Standort und Spezialisierung.
  • Gerätewert Neurologie: EEG-Geräte (8.000 bis 25.000 EUR Anschaffungskosten), EMG-Einheiten (15.000 bis 40.000 EUR) und Duplexsonographie (30.000 bis 60.000 EUR) haben einen relevanten Zeitwert, der über lineare Abschreibung ermittelt wird.
  • Subspecialisierungsbonus: Eine neurologische Praxis mit etablierter Sprechstunde für Multiple Sklerose oder Parkinson hat eine höhere Patientenbindung und erzielt einen Bewertungsaufschlag von 15 bis 25 Prozent gegenüber einer Allgemeinneurologie-Praxis.

Praxisbewertung speziell für Neurologen

Neurologen, die eine Praxis verkaufen oder bewerten lassen möchten, sollten die Besonderheiten des Faches bei der Wahl der Bewertungsmethode berücksichtigen: In der Neurologie ist der Anteil der gesetzlich versicherten Patienten hoch (oft 80 bis 90 Prozent), was die Umsatzstabilität erhöht, aber das Wachstumspotenzial einschränkt. Eine neurologische Einzelpraxis mit einem Jahresumsatz von 600.000 EUR (EBM-Abrechnung) und einem Jahresüberschuss von 180.000 EUR wird bei einem Goodwill-Multiplikator von 1,8 mit einem immateriellen Wert von 324.000 EUR bewertet; zuzüglich Substanzwert der Geräte (ca. 60.000 EUR) ergibt das einen Gesamtwert von rund 384.000 EUR.

Für Praxen mit Privatpatientenanteil über 20 Prozent ist der Bewertungsaufschlag signifikant: Jede 5-Prozent-Erhöhung des Privatpatientenanteils erhöht den Goodwill-Multiplikator typischerweise um 0,1 bis 0,2, da die Honorare aus GOÄ-Abrechnung deutlich über EBM-Honoraren liegen. Eine neurologische Praxis mit 30 Prozent Privatanteil kann einen Multiplikator von 2,0 bis 2,5 erzielen.

Worauf Neurologen besonders achten sollten

Neurologen sollten für eine Praxisbewertung mindestens drei aufeinanderfolgende Jahresabschlüsse vorlegen, die den nachhaltigen Ertrag belegen. Einmalige außerordentliche Erträge (z. B. Geräteverkäufe) oder einmalige Aufwendungen (z. B. Praxisrenovierung) sind aus dem Bewertungsertrag herauszurechnen. Außerdem sollten die Betreuungsschlüssel für chronisch kranke Patienten (MS-Patienten, Parkinson-Patienten) dokumentiert sein: Eine Praxis mit 150 MS-Patienten in Dauerbetreuung hat ein deutlich stabileres Ertragsfundament als eine Praxis ohne etablierte Schwerpunktsprechstunden. Ärzteversichert empfiehlt, im Rahmen der Praxisbewertung auch die Versicherungsstruktur zu überprüfen und dem Käufer eine vollständige Übersicht der laufenden Versicherungsverträge zu übergeben.

Typische Fehler bei Neurologen

Ein häufiger Fehler ist das Überschätzen des Goodwills durch den Verkäufer: Der persönliche Bekanntheitsgrad eines Neurologen in der Region hat keinen direkten Marktwert, wenn der Nachfolger diesen Ruf nicht übernehmen kann. Zweiter Fehler: zu kurze Übergabephase. In der Neurologie sind Patientenbeziehungen oft jahrzehntelang gewachsen; eine Übergabephase von weniger als sechs Monaten führt zu erheblicher Patientenabwanderung und mindert den tatsächlich erzielten Goodwill-Wert. Drittens vernachlässigen manche Neurologen die steuerliche Optimierung des Veräußerungsgewinns: Bei einem Gewinn von 300.000 EUR sind Steuerfreibeträge nach § 16 EStG und der ermäßigte Steuersatz nach § 34 EStG zu nutzen; eine frühzeitige Steuerplanung kann die Steuerlast um 50.000 bis 80.000 EUR senken.

Fazit

Die Praxisbewertung für Neurologen erfordert eine auf die Besonderheiten des Faches abgestimmte Methodik, eine vollständige Dokumentation der Patientenstruktur und Subspecialisierungen sowie eine langfristig geplante Übergabe, um den Goodwill-Wert zu sichern. Weitere Artikel finden Sie in der Blog-Übersicht.

Quellen und weiterführende Informationen

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