Die Praxisübernahme in der Arbeitsmedizin unterscheidet sich grundlegend von der Übernahme einer kurativen Arztpraxis: Statt eines KV-Kassensitzes steht die Übernahme eines Kundenstamms aus Betriebs- und Beratungsverträgen im Vordergrund. Wer eine bestehende arbeitsmedizinische Praxis oder einen überbetrieblichen arbeitsmedizinischen Dienst übernimmt, kauft vor allem Kundenbeziehungen, Mitarbeiter-Know-how und Gerätschaften für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Arbeitsmedizinische Praxen werden nicht über die KV gehandelt; der Kaufpreis basiert auf dem Umsatz aus laufenden Betreuungsverträgen und liegt typischerweise beim 0,4- bis 0,8-fachen des Jahresumsatzes.
  • Die wichtigsten Vermögenswerte bei der Übernahme sind Betreuungsverträge mit Unternehmen; Vertragsübertragbarkeit und Kündigungsfristen müssen vor dem Kauf geprüft werden.
  • Die arbeitsmedizinische Zulassung ist personengebunden; der Übernehmer muss selbst die Facharztanerkennung und ggf. die Ermächtigung durch die Berufsgenossenschaft mitbringen.

Praxisübernahme speziell für Arbeitsmediziner

Der Kern einer arbeitsmedizinischen Praxis sind die Betreuungsverträge mit Unternehmen nach dem Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG). Ein Unternehmen mit 500 Mitarbeitern zahlt je nach Branche und Betreuungsmodell 5.000 bis 15.000 EUR jährlich für arbeitsmedizinische Betreuung; ein Portfolio von 20 bis 30 solcher Verträge bildet die wirtschaftliche Basis einer mittelgroßen Praxis mit einem Jahresumsatz von 150.000 bis 400.000 EUR.

Beim Kauf sind die Vertragslaufzeiten und Kündigungsfristen entscheidend: Viele Betreuungsverträge enthalten Klauseln, die eine automatische Beendigung bei Inhaberwechsel ermöglichen. Vor der Unterzeichnung des Kaufvertrags muss der Käufer mit den wichtigsten Unternehmenskunden sprechen und deren Bereitschaft zur Fortsetzung des Vertragsverhältnisses sicherstellen. Eine Einarbeitungszeit von 6 bis 12 Monaten mit dem Vorgänger ist in der Arbeitsmedizin besonders wertvoll, weil Vertrauen zu den Betriebsleitern und Personalverantwortlichen persönlich aufgebaut wird.

Die technische Ausstattung umfasst Geräte für Eignungsuntersuchungen: Audiometrie, Spirometrie, EKG, Sehtests und ggf. Ergometrie. Eine vollständig ausgestattete Praxis für arbeitsmedizinische Vorsorge hat einen Gerätewert von 30.000 bis 80.000 EUR; dieser Wert ist im Kaufpreis zu berücksichtigen.

Worauf Arbeitsmediziner besonders achten sollten

Die Finanzierung einer arbeitsmedizinischen Praxisübernahme ist für Banken oft schwieriger darzustellen als bei einer kurativen Praxis, weil keine öffentlich-rechtliche Zulassung (KV-Sitz) als Sicherheit dient. Ärzteversichert empfiehlt, die Finanzierungsstruktur frühzeitig mit einer auf Ärzte spezialisierten Bank zu besprechen; Bankbürgschaften auf Basis der Betreuungsverträge sind möglich, erfordern aber sorgfältige Dokumentation.

Wer einen arbeitsmedizinischen Dienst mit mehreren angestellten Betriebsärzten übernimmt, muss arbeitsrechtlich prüfen, ob ein Betriebsübergang nach § 613a BGB vorliegt: In diesem Fall gehen alle Arbeitsverhältnisse automatisch auf den Käufer über, was erhebliche Haftungsrisiken für rückständige Lohnansprüche oder Sozialversicherungsbeiträge bedeuten kann.

Typische Fehler bei Arbeitsmedizinern

Ein häufiger Fehler ist das Überschätzen der Kundenbindung: Wer den Kaufpreis auf Basis des aktuellen Umsatzes kalkuliert und nicht berücksichtigt, dass 20 bis 30 Prozent der Kunden den Wechsel des Arztes zum Anlass für eine Kündigung nehmen, zahlt zu viel. Ein Earn-out-Modell, bei dem ein Teil des Kaufpreises vom tatsächlichen Umsatz in den ersten 2 Jahren abhängt, schützt den Käufer. Ein zweiter Fehler ist das Vernachlässigen der Berufshaftpflicht-Überleitung: Die Berufshaftpflichtversicherung des Vorgängers deckt keine Ansprüche, die nach dem Übergabedatum für dessen frühere Behandlungen entstehen; der Käufer benötigt von Beginn an eine eigene Police.

Fazit

Die Praxisübernahme in der Arbeitsmedizin ist eine Investition in Kundenbeziehungen und Fachwissen; mit sorgfältiger Due Diligence und einem fairen Earn-out-Modell lässt sie sich wirtschaftlich solide gestalten. Weitere Artikel finden Sie in der Blog-Übersicht.

Quellen und weiterführende Informationen

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