Die Übernahme einer psychiatrischen Praxis ist in Deutschland besonders begehrt, weil freie Kassensitze in der Psychiatrie und Neurologie zu den seltensten im ambulanten System gehören. Die hohe Nachfrage treibt die Kaufpreise, gleichzeitig bietet eine übernommene Praxis den unmittelbaren Zugang zu einem bestehenden Patientenstamm in einem Fach mit oft jahrelangen Wartelisten.
Das Wichtigste in Kürze
- Psychiatrische Kassensitze sind in den meisten Planungsbereichen gesperrt; die Übernahme ist häufig die einzige Möglichkeit zur Niederlassung.
- Der Patientenstamm einer psychiatrischen Praxis hat eine hohe Bindungsrate, aber auch hohe Abhängigkeit von der persönlichen Beziehung zum Therapeuten; nicht alle Patienten wechseln zum Nachfolger.
- Langfristige Therapieverhältnisse und Psychotherapiebewilligungen laufen beim Praxisinhaber; nach der Übergabe müssen Therapiefortsetzungen neu beantragt werden.
Praxisübernahme speziell für Psychiater
Der Kaufpreis für eine psychiatrische Praxis mit vollem Kassensitz liegt je nach Region bei 80.000 bis 200.000 EUR für den ideellen Wert (Goodwill) zuzüglich Substanzwert. In Ballungsräumen mit extremem Ärztemangel in der Psychiatrie können Praxen auch deutlich teurer sein. Der Kaufpreis ist steuerlich günstig: Praxiswerte werden über 3 bis 5 Jahre abgeschrieben und mindern damit den steuerpflichtigen Gewinn.
Die Übergabe einer psychiatrischen Praxis erfordert ein hohes Maß an Sensibilität gegenüber den Patienten: Schwer psychisch Erkrankte, die über Jahre oder Jahrzehnte beim selben Arzt in Behandlung sind, reagieren auf Praxisübergaben oft mit Destabilisierung. Eine Übergabephase von mindestens 6 Monaten, in der Übernehmer und Abgeber gemeinsam tätig sind, ist in der Psychiatrie besonders wichtig.
Worauf Psychiater besonders achten sollten
Die Due-Diligence-Prüfung sollte die Qualität der Dokumentation und den Stand laufender Psychotherapiebewilligungen erfassen. Übernahmen, bei denen die Patientenakten unvollständig sind oder viele Patienten kurz vor dem Ende ihrer Bewilligungsperiode stehen, sind mit erhöhtem Verwaltungsaufwand verbunden. Ärzteversichert empfiehlt, die Finanzierungsstruktur (Bankdarlehen für Kaufpreis) mit einer BU-Versicherung zu kombinieren, die im Fall eigener Erkrankung die Kreditverpflichtungen übernimmt.
Typische Fehler bei Psychiatern
Ein häufiger Fehler ist die Überschätzung der Patientenbindung: Je nach Praxiskultur und Patientenstruktur verlässt ein Teil der Patienten die Praxis beim Inhaberwechsel. Wer den Kaufpreis auf Basis des vollen Patientenstamms berechnet, ohne eine Abgangsquote einzuplanen, riskiert eine wirtschaftliche Schieflage im ersten Jahr. Ein zweiter Fehler betrifft die Haftungsfrage für Behandlungsfehler des Vorgängers: Wer die Praxis übernimmt, übernimmt keine Haftung für vergangene Behandlungen, muss aber klare Abgrenzungen im Kaufvertrag dokumentieren.
Fazit
Die psychiatrische Praxisübernahme ist für viele Psychiater die einzige realistische Chance auf eine Niederlassung. Eine sorgfältige Übergabephase und eine realistische Bewertung des Patientenstamms sind Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg. Weitere Artikel finden Sie in der Blog-Übersicht.
Quellen und weiterführende Informationen
- KBV – Praxisübernahme und Nachfolge
- Bundesärztekammer – Psychiatrie und Psychotherapie
- GDV – Praxisversicherungen
- Ärzteversichert – Versicherungsmakler für Mediziner
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